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Shavasana

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Shavasana - die Kunst des Loslassen

Warum die scheinbar einfachste Yogahaltung eine der schwierigsten ist – und was sie uns über das Leben lehren kann.

Am Ende einer Yogastunde legen wir uns auf den Rücken, schließen die Augen und entspannen uns. So einfach ist Shavasana. Oder?

Wer schon einmal versucht hat, wirklich still zu liegen, weiß, dass es ganz so einfach nicht ist. Kaum liegt der Körper ruhig auf der Matte, beginnt der Kopf zu arbeiten. Was muss ich heute noch erledigen? Habe ich die Waschmaschine ausgeräumt? Warum juckt plötzlich meine Nase? Und wie lange dauert das hier eigentlich noch?

Unser Körper liegt still, aber in unserem Inneren herrscht weiterhin Hochbetrieb. Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit in Shavasana. Denn Shavasana ist nicht einfach eine Pause am Ende der Yogastunde. Es ist eine eigenständige Asana, eine bewusste Übung, die uns körperlich, geistig und vielleicht sogar in unserem Verständnis von uns selbst herausfordert.

Was bedeutet Shavasana?

Das Sanskritwort Shava bedeutet Leichnam oder toter Körper, Asana bedeutet Haltung. Shavasana wird deshalb als Totenstellung oder Leichnamstellung übersetzt. Ein zunächst befremdlicher Name für eine Yogahaltung, in der wir uns entspannen sollen.

Doch er beschreibt einen wesentlichen Aspekt dieser Asana: Ein toter Körper bewegt sich nicht mehr. Er hält nichts fest, kontrolliert nichts, reagiert nicht mehr. In Shavasana legen wir uns bewusst in diese Bewegungslosigkeit. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Wir bleiben wach und nehmen wahr.

B.K.S. Iyengar bezeichnet Shavasana in seinem Buch Licht auf Yoga als eine der schwierigsten Asanas. Denn während wir den Körper noch vergleichsweise leicht ruhig halten können, ist es wesentlich schwieriger, die Bewegungen unseres Geistes zur Ruhe zu bringen.

Shavasana im Iyengar-Yoga – Entspannung braucht Aufmerksamkeit

Im Iyengar-Yoga überlassen wir die Entspannung nicht einfach dem Zufall. Wie in allen Asanas spielt auch hier die präzise Ausrichtung des Körpers eine wichtige Rolle. Denn ein Körper, der ungünstig liegt, an einzelnen Stellen unnötige Spannung hält oder sich unwohl fühlt, kann nur schwer vollständig loslassen.

Deshalb verwenden wir auch in Shavasana Hilfsmittel. Eine gefaltete Decke unter Kopf und Nacken kann helfen, den Hals weich werden zu lassen. Eine Unterstützung unter den Beinen kann den unteren Rücken entlasten. Je nach körperlicher Verfassung und Bedürfnis kann Shavasana ganz unterschiedlich eingerichtet werden. Es geht nicht darum, möglichst viele Hilfsmittel zu benutzen, sondern darum, eine Lagerung zu finden, in der der Körper nicht mehr arbeiten muss, um sich zu halten.

Doch die äußere Ruhe ist erst der Anfang. Geeta Iyengar betont, dass wir während der Entspannung innerlich wach bleiben sollen. Es geht nicht darum, in einen schläfrigen oder dumpfen Zustand abzugleiten, sondern die Entspannung bewusst wahrzunehmen. Wir sind gleichzeitig entspannt und aufmerksam. Das ist eine besondere Qualität, die sich nicht erzwingen lässt, sondern mit der Übung allmählich entwickelt.

Erst Spannung, dann Loslassen – mein Weg in Shavasana

In meinem Unterricht beginne ich Shavasana häufig anders, als man es vielleicht erwarten würde. Ich fordere meine Schüler zunächst auf, den Körper ganz bewusst auszurichten und Spannung aufzubauen. Die Fersen werden weggeschoben, die Beine aktiviert, die Kniescheiben nach oben gezogen. Das Becken wird ausgerichtet, der Bauch bewusst nach innen genommen. Die Schultern werden organisiert, die Arme gestreckt, der Nacken verlängert. Auch die Atmung beziehen wir ein. Wir schaffen Weite im Brustkorb, nehmen die Rippen wahr, spüren das Becken und richten den gesamten Körper von innen heraus aus.

Für einen Moment ist der Körper voller bewusster Aktivität. Erst dann beginnt das Loslassen – nicht plötzlich, sondern langsam, aufmerksam und Schritt für Schritt. Zunächst entspannen sich die Beine und Arme. Die Füße dürfen nach außen fallen, die Finger weich werden. Der Schultergürtel lässt los, der Hinterkopf wird schwer. Schließlich dürfen auch die tiefen Spannungen im Becken und Bauch nachgeben.

Dabei beobachten wir, was geschieht. Wie fühlt es sich an, wenn ein Muskel seine Arbeit beendet? Wie verändert sich die Atmung? Was geschieht mit dem Körper, wenn wir aufhören, ihn bewusst zu halten? Für mich liegt darin ein wesentlicher Zugang zu Shavasana: Wir lernen das Loslassen, indem wir zunächst wahrnehmen, was wir überhaupt festhalten.

Diese Art der Anleitung hat sich über viele Jahre in meinem Unterricht bewährt. Sie ist keine festgeschriebene Abfolge, die ich jedes Mal gleich unterrichte. Manchmal steht die körperliche Entspannung im Vordergrund, manchmal braucht es mehr Zeit, um die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Und manchmal führt uns die Praxis zu Fragen, die weit über die Yogamatte hinausgehen.

Das hängt davon ab, was meine Schüler gerade mitbringen, aber auch davon, was mich selbst beschäftigt und was in der Welt um uns herum geschieht. Die Haltung bleibt dieselbe. Doch unsere Begegnung mit ihr verändert sich.

Die erste Stille – wenn der Körper aufhört, sich zu bewegen

Wenn die körperliche Spannung nach und nach verschwunden ist, lade ich meine Schüler ein, bewusst in die Bewegungslosigkeit zu gehen. Das klingt zunächst einfach. Aber plötzlich juckt es irgendwo, ein Bein möchte seine Position verändern oder die Hand will sich bewegen.

Unser Körper sendet immer wieder kleine Impulse. In Shavasana können wir üben, nicht jedem dieser Impulse sofort nachzugeben. Wir nehmen sie wahr, ohne automatisch darauf zu reagieren. Natürlich bedeutet das nicht, Schmerzen oder ernsthaftes Unwohlsein auszuhalten. Eine notwendige Veränderung der Haltung ist jederzeit erlaubt. Doch wenn wir bequem und sicher liegen, können wir entdecken, dass nicht jeder Impuls eine Handlung verlangt.

Nach und nach entsteht eine besondere Ruhe. Dabei muss es um uns herum keineswegs vollkommen still sein. Vielleicht hören wir Autos, Stimmen oder Geräusche aus dem Nachbarraum. Die Stille, die wir in Shavasana suchen, ist nicht unbedingt die Abwesenheit von Geräuschen. Sie entsteht, wenn wir aufhören, jedem Geräusch unsere Aufmerksamkeit zu schenken, es zu benennen oder zu bewerten.

Wir können hören, ohne uns mit dem Gehörten zu beschäftigen. Der Körper ruht. Und wir beginnen, in dieser Ruhe anzukommen.

Die zweite Stille – wenn die Gedanken zur Ruhe kommen

Doch kaum ist der Körper still geworden, meldet sich häufig unser Geist. Gedanken kommen und gehen, Erinnerungen tauchen auf, Pläne entstehen, innere Gespräche beginnen. Manche Gedanken sind wichtig, viele sind es nicht. Und vor allem müssen wir nicht jeden Gedanken zu Ende denken.

Das ist eine Erkenntnis, die ich meinen Schülern gerne mitgebe: Wir dürfen Gedanken loslassen. Nicht indem wir sie bekämpfen oder krampfhaft versuchen, nichts mehr zu denken, sondern indem wir ihnen nicht weiter folgen.

Stattdessen richten wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf das Fühlen und Spüren. Wie liegt mein Körper auf dem Boden? Wo berührt er die Unterlage? Wie bewegt sich mein Atem? Was verändert sich, wenn ich nichts verändern möchte?

Je mehr wir in der unmittelbaren Wahrnehmung ankommen, desto weniger Raum nehmen die Geschichten ein, die unser Kopf ununterbrochen erzählt. Und manchmal entstehen kleine Momente, in denen wir nichts weiter wollen, nichts planen und nichts erreichen müssen. Wir sind einfach da.

Das leichte Herz – eine Verbindung zu uns selbst

Es gibt Menschen, denen es leichtfällt, körperlich zu entspannen, die aber nur schwer einen Zugang zu dieser inneren Stille finden. Deshalb arbeite ich manchmal mit einer Vorstellung.

Ich lade meine Schüler ein, sich an einen besonders schönen Moment in der Natur zu erinnern. Vielleicht einen Sonnenuntergang am Meer, eine Berglandschaft, das Licht eines frühen Morgens oder einen weiten Himmel. Einen Augenblick, in dem sie vollkommen gegenwärtig waren.

In solchen Momenten geschieht manchmal etwas Besonderes: Wir hören für einen Augenblick auf, uns mit unseren Problemen, Aufgaben und Verpflichtungen zu beschäftigen. Wir staunen. Unser Herz wird leicht. Wir fühlen uns verbunden – mit der Natur, mit dem Leben und eben auch mit uns selbst.

Dieses Gefühl versuchen wir für einen Moment wiederzufinden. Und dann lassen wir das Bild los. Denn wir wollen nicht in Erinnerungen schwelgen oder über den vergangenen Moment nachdenken. Wir behalten nur das Gefühl: die Weite, das leichte Herz, die Verbundenheit. Und kehren damit in die Stille zurück.

Shavasana – die Kunst des Loslassens

Warum die scheinbar einfachste Yogahaltung eine der schwierigsten ist – und was sie uns über das Leben lehren kann.

Am Ende einer Yogastunde legen wir uns auf den Rücken, schließen die Augen und entspannen uns. So einfach ist Shavasana. Oder?

Wer schon einmal versucht hat, wirklich still zu liegen, weiß, dass es ganz so einfach nicht ist. Kaum liegt der Körper ruhig auf der Matte, beginnt der Kopf zu arbeiten. Was muss ich heute noch erledigen? Habe ich die Waschmaschine ausgeräumt? Warum juckt plötzlich meine Nase? Und wie lange dauert das hier eigentlich noch?

Unser Körper liegt still, aber in unserem Inneren herrscht weiterhin Hochbetrieb. Genau hier beginnt die eigentliche Arbeit in Shavasana. Denn Shavasana ist nicht einfach eine Pause am Ende der Yogastunde. Es ist eine eigenständige Asana, eine bewusste Übung, die uns körperlich, geistig und vielleicht sogar in unserem Verständnis von uns selbst herausfordert.

Was bedeutet Shavasana?

Das Sanskritwort Shava bedeutet Leichnam oder toter Körper, Asana bedeutet Haltung. Shavasana wird deshalb als Totenstellung oder Leichnamstellung übersetzt. Ein zunächst befremdlicher Name für eine Yogahaltung, in der wir uns entspannen sollen.

Doch er beschreibt einen wesentlichen Aspekt dieser Asana: Ein toter Körper bewegt sich nicht mehr. Er hält nichts fest, kontrolliert nichts, reagiert nicht mehr. In Shavasana legen wir uns bewusst in diese Bewegungslosigkeit. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Wir bleiben wach und nehmen wahr.

B.K.S. Iyengar bezeichnet Shavasana in seinem Buch Licht auf Yoga als eine der schwierigsten Asanas. Denn während wir den Körper noch vergleichsweise leicht ruhig halten können, ist es wesentlich schwieriger, die Bewegungen unseres Geistes zur Ruhe zu bringen.

Shavasana im Iyengar-Yoga – Entspannung braucht Aufmerksamkeit

Im Iyengar-Yoga überlassen wir die Entspannung nicht einfach dem Zufall. Wie in allen Asanas spielt auch hier die präzise Ausrichtung des Körpers eine wichtige Rolle. Denn ein Körper, der ungünstig liegt, an einzelnen Stellen unnötige Spannung hält oder sich unwohl fühlt, kann nur schwer vollständig loslassen.

Deshalb verwenden wir auch in Shavasana Hilfsmittel. Eine gefaltete Decke unter Kopf und Nacken kann helfen, den Hals weich werden zu lassen. Eine Unterstützung unter den Beinen kann den unteren Rücken entlasten. Je nach körperlicher Verfassung und Bedürfnis kann Shavasana ganz unterschiedlich eingerichtet werden. Es geht nicht darum, möglichst viele Hilfsmittel zu benutzen, sondern darum, eine Lagerung zu finden, in der der Körper nicht mehr arbeiten muss, um sich zu halten.

Doch die äußere Ruhe ist erst der Anfang. Geeta Iyengar betont, dass wir während der Entspannung innerlich wach bleiben sollen. Es geht nicht darum, in einen schläfrigen oder dumpfen Zustand abzugleiten, sondern die Entspannung bewusst wahrzunehmen. Wir sind gleichzeitig entspannt und aufmerksam. Das ist eine besondere Qualität, die sich nicht erzwingen lässt, sondern mit der Übung allmählich entwickelt.

Erst Spannung, dann Loslassen – mein Weg in Shavasana

In meinem Unterricht beginne ich Shavasana häufig anders, als man es vielleicht erwarten würde. Ich fordere meine Schüler zunächst auf, den Körper ganz bewusst auszurichten und Spannung aufzubauen. Die Fersen werden weggeschoben, die Beine aktiviert, die Kniescheiben nach oben gezogen. Das Becken wird ausgerichtet, der Bauch bewusst nach innen genommen. Die Schultern werden organisiert, die Arme gestreckt, der Nacken verlängert. Auch die Atmung beziehen wir ein. Wir schaffen Weite im Brustkorb, nehmen die Rippen wahr, spüren das Becken und richten den gesamten Körper von innen heraus aus.

Für einen Moment ist der Körper voller bewusster Aktivität. Erst dann beginnt das Loslassen – nicht plötzlich, sondern langsam, aufmerksam und Schritt für Schritt. Zunächst entspannen sich die Beine und Arme. Die Füße dürfen nach außen fallen, die Finger weich werden. Der Schultergürtel lässt los, der Hinterkopf wird schwer. Schließlich dürfen auch die tiefen Spannungen im Becken und Bauch nachgeben.

Dabei beobachten wir, was geschieht. Wie fühlt es sich an, wenn ein Muskel seine Arbeit beendet? Wie verändert sich die Atmung? Was geschieht mit dem Körper, wenn wir aufhören, ihn bewusst zu halten? Für mich liegt darin ein wesentlicher Zugang zu Shavasana: Wir lernen das Loslassen, indem wir zunächst wahrnehmen, was wir überhaupt festhalten.

Diese Art der Anleitung hat sich über viele Jahre in meinem Unterricht bewährt. Sie ist keine festgeschriebene Abfolge, die ich jedes Mal gleich unterrichte. Manchmal steht die körperliche Entspannung im Vordergrund, manchmal braucht es mehr Zeit, um die Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Und manchmal führt uns die Praxis zu Fragen, die weit über die Yogamatte hinausgehen.

Das hängt davon ab, was meine Schüler gerade mitbringen, aber auch davon, was mich selbst beschäftigt und was in der Welt um uns herum geschieht. Die Haltung bleibt dieselbe. Doch unsere Begegnung mit ihr verändert sich.

Die erste Stille – wenn der Körper aufhört, sich zu bewegen

Wenn die körperliche Spannung nach und nach verschwunden ist, lade ich meine Schüler ein, bewusst in die Bewegungslosigkeit zu gehen. Das klingt zunächst einfach. Aber plötzlich juckt es irgendwo, ein Bein möchte seine Position verändern oder die Hand will sich bewegen.

Unser Körper sendet immer wieder kleine Impulse. In Shavasana können wir üben, nicht jedem dieser Impulse sofort nachzugeben. Wir nehmen sie wahr, ohne automatisch darauf zu reagieren. Natürlich bedeutet das nicht, Schmerzen oder ernsthaftes Unwohlsein auszuhalten. Eine notwendige Veränderung der Haltung ist jederzeit erlaubt. Doch wenn wir bequem und sicher liegen, können wir entdecken, dass nicht jeder Impuls eine Handlung verlangt.

Nach und nach entsteht eine besondere Ruhe. Dabei muss es um uns herum keineswegs vollkommen still sein. Vielleicht hören wir Autos, Stimmen oder Geräusche aus dem Nachbarraum. Die Stille, die wir in Shavasana suchen, ist nicht unbedingt die Abwesenheit von Geräuschen. Sie entsteht, wenn wir aufhören, jedem Geräusch unsere Aufmerksamkeit zu schenken, es zu benennen oder zu bewerten.

Wir können hören, ohne uns mit dem Gehörten zu beschäftigen. Der Körper ruht. Und wir beginnen, in dieser Ruhe anzukommen.

Die zweite Stille – wenn die Gedanken zur Ruhe kommen

Doch kaum ist der Körper still geworden, meldet sich häufig unser Geist. Gedanken kommen und gehen, Erinnerungen tauchen auf, Pläne entstehen, innere Gespräche beginnen. Manche Gedanken sind wichtig, viele sind es nicht. Und vor allem müssen wir nicht jeden Gedanken zu Ende denken.

Das ist eine Erkenntnis, die ich meinen Schülern gerne mitgebe: Wir dürfen Gedanken loslassen. Nicht indem wir sie bekämpfen oder krampfhaft versuchen, nichts mehr zu denken, sondern indem wir ihnen nicht weiter folgen.

Stattdessen richten wir unsere Aufmerksamkeit wieder auf das Fühlen und Spüren. Wie liegt mein Körper auf dem Boden? Wo berührt er die Unterlage? Wie bewegt sich mein Atem? Was verändert sich, wenn ich nichts verändern möchte?

Je mehr wir in der unmittelbaren Wahrnehmung ankommen, desto weniger Raum nehmen die Geschichten ein, die unser Kopf ununterbrochen erzählt. Und manchmal entstehen kleine Momente, in denen wir nichts weiter wollen, nichts planen und nichts erreichen müssen. Wir sind einfach da.

Das leichte Herz – eine Verbindung zu uns selbst

Es gibt Menschen, denen es leichtfällt, körperlich zu entspannen, die aber nur schwer einen Zugang zu dieser inneren Stille finden. Deshalb arbeite ich manchmal mit einer Vorstellung.

Ich lade meine Schüler ein, sich an einen besonders schönen Moment in der Natur zu erinnern. Vielleicht einen Sonnenuntergang am Meer, eine Berglandschaft, das Licht eines frühen Morgens oder einen weiten Himmel. Einen Augenblick, in dem sie vollkommen gegenwärtig waren.

In solchen Momenten geschieht manchmal etwas Besonderes: Wir hören für einen Augenblick auf, uns mit unseren Problemen, Aufgaben und Verpflichtungen zu beschäftigen. Wir staunen. Unser Herz wird leicht. Wir fühlen uns verbunden – mit der Natur, mit dem Leben und vielleicht auch mit uns selbst.

Dieses Gefühl versuchen wir für einen Moment wiederzufinden. Und dann lassen wir das Bild los. Denn wir wollen nicht in Erinnerungen schwelgen oder über den vergangenen Moment nachdenken. Wir behalten nur das Gefühl: die Weite, das leichte Herz, die Verbundenheit. Und kehren damit in die Stille zurück.

Was bewirkt Shavasana? Ein Blick auf die Wissenschaft

Dass bewusste Entspannung mehr sein kann als ein angenehmes Gefühl, zeigen wissenschaftliche Untersuchungen. Wenn wir zur Ruhe kommen, können sich unter anderem Muskelspannung, Atmung, Herzfrequenz und die Aktivität des autonomen Nervensystems verändern.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Mandlik und Kollegen (2024) untersuchte 28 kontrollierte Studien mit insgesamt 2.574 Teilnehmenden. In 21 Studien zeigten einzelne Yoga-, Atem- oder Meditationseinheiten günstige Auswirkungen auf die akute Stressreaktion. Auch der Blutdruck kann durch Entspannungsverfahren beeinflusst werden. Eine große Übersichtsarbeit von 2025 mit 182 Studien fand Hinweise auf kurzfristige Blutdrucksenkungen.

Allerdings beziehen sich diese Untersuchungen auf unterschiedliche Entspannungsverfahren und nicht ausschließlich auf Shavasana. Zudem ist die Aussagekraft einiger Ergebnisse methodisch eingeschränkt. Dennoch liefern sie Hinweise darauf, dass bewusste Entspannung mit messbaren körperlichen Veränderungen einhergehen kann.

Für mich liegt die Bedeutung von Shavasana aber nicht allein in diesen körperlichen Wirkungen. Wir üben auch, nicht ständig reagieren zu müssen, Gedanken ziehen zu lassen und uns selbst wahrzunehmen, ohne etwas leisten zu müssen. In meiner Unterrichtspraxis erlebe ich immer wieder, wie wertvoll diese Erfahrung sein kann.

Loslassen lernen – weit über die Yogamatte hinaus

Shavasana heißt übersetzt Toten- oder Leichnamstellung. Ein ungewöhnlicher Name für eine Haltung, die viele Menschen zunächst nur mit Entspannung verbinden. Doch gerade in diesem Namen liegt für mich eine der tiefsten Bedeutungen dieser Asana.

Wir üben das Loslassen. Und damit meine ich nicht nur, die Muskeln zu entspannen und sich für einige Minuten auszuruhen. Wir beginnen beim Körper, lassen seine Spannung langsam und bewusst los und erlauben ihm, schwer zu werden und sich vollständig dem Boden anzuvertrauen.

Dann wenden wir uns dem Geist zu. Wir müssen nicht jeden Gedanken zu Ende denken, nicht jede Erinnerung festhalten und nicht jede Sorge weiterverfolgen. Wir dürfen einfach still werden.

Und vielleicht gelangen wir irgendwann an einen Punkt, an dem wir noch etwas anderes loslassen können: unsere Vorstellungen von uns selbst. Wir alle tragen so viele Rollen mit uns herum. Wir sind Eltern, Kinder, Partner, Berufstätige. Wir haben Verpflichtungen, Erwartungen, Überzeugungen und ein bestimmtes Bild davon, wer wir sind.

Aber wer sind wir, wenn wir all das für einen Moment beiseitelassen?

In meiner Shavasana-Praxis lade ich dazu ein, genau das zu erfahren. Nicht indem wir unsere Persönlichkeit aufgeben, sondern indem wir für einen Augenblick aufhören, uns über sie zu definieren.

In seinem Buch Licht fürs Leben beschreibt B.K.S. Iyengar im Kapitel „Gedächtnis: Befreiung oder Knechtschaft“, wie bewusstes Atmen und Gewahrsein unsere Reaktionen verändern können. Dabei verbindet er die Einatmung mit dem Göttlichen und die Ausatmung mit der Hingabe des Egos.

Dieser Gedanke hat mich besonders angesprochen. Ich übertrage ihn auf meine eigene Shavasana-Praxis:

Das Leben einatmen. Das Ego ausatmen.

Dabei muss man mit dem Begriff Göttlichkeit überhaupt nichts anfangen können. Wir können auch einfach an das Leben denken, das mit jedem Atemzug in uns strömt. Und mit der Ausatmung lassen wir etwas von unserem Festhalten los: unsere Rollen, unsere Selbstbilder, unsere Erwartungen.

Nicht für immer. Sobald wir die Augen wieder öffnen und in unseren Alltag zurückkehren, sind sie alle wieder da. Aber für einen Moment dürfen wir erfahren, wie es ist, einfach nur zu sein.

Und hier bekommt die Totenstellung für mich eine besondere Bedeutung. Denn irgendwann werden wir alle vor der Aufgabe stehen, unser Leben loszulassen. Wir wissen nicht, wie dieser Moment sein wird. Aber wir können schon heute üben, dem Loslassen mit weniger Widerstand zu begegnen.

Nicht aus Angst vor dem Tod, sondern aus Liebe zum Leben.

Vielleicht ist das eine der tiefsten Erfahrungen, die uns Shavasana schenken kann: dass wir nicht alles festhalten müssen, um ganz bei uns selbst zu sein.

Ein persönlicher Gedanke zum Schluss

Ich habe meinen Vater beim Sterben begleitet.

Damals habe ich oft gedacht, und dieser Gedanke begleitet mich bis heute: Wie schade, dass mein Vater nie Shavasana geübt hat. Nicht nur, weil ich glaube, dass diese Asana das Sterben leicht und selbstbestimmter macht könnte. Sondern weil ich mir gewünscht hätte, dass wir in diesem Moment auf etwas Vertrautes hätten zurückgreifen können. Auf die Erfahrung, still zu werden, sich dem Augenblick hinzugeben und loszulassen.

Vielleicht hätten wir diese Erfahrung miteinander teilen können. Ich weiß es nicht. Aber seitdem hat die Totenstellung für mich noch einmal eine andere Bedeutung bekommen.

Und vielleicht ist genau das das Besondere an Shavasana: Wir üben immer dieselbe Haltung. Aber wir begegnen ihr im Laufe unseres Lebens immer wieder als ein anderer Mensch.

Eine Einladung

Wenn du das nächste Mal in Shavasana liegst, versuche einmal, die Haltung nicht einfach als Abschluss deiner Yogastunde zu betrachten. Gib dir Zeit, spüre deinen Körper, beobachte deinen Atem und lass die Gedanken kommen und gehen, ohne ihnen folgen zu müssen.

Und vielleicht fragst du dich für einen Moment: Was kann ich heute loslassen?

Du musst darauf keine Antwort finden. Denn dann bist Du wieder beim Denken. Vielleicht reicht es, diese Frage mit in die Stille zu nehmen.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Iyengar-Yoga und Philosophie

Wissenschaftliche Untersuchungen

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