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Die 5 Prana Vayus

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Die fünf Vayus - Prana im Körper erfahren.

Prana - diesen Begriff haben die meisten Yoga Praktizierenden schon gehört. Das Sanskritwort Prāṇa wird häufig mit Lebensenergie oder Lebenskraft, aber auch mit Atem übersetzt.

Dabei ist Prāṇa nicht einfach mit unserem physischen Atem gleichzusetzen. Im Yoga bezeichnet Prāṇa eine umfassendere Lebenskraft. Der Atem ist jedoch eine der unmittelbarsten Möglichkeiten, diese Kraft im eigenen Körper wahrzunehmen.

Und Prāṇa ist nichts Statisches. Prāṇa bewegt sich.

Diese unterschiedlichen Bewegungen von Prāṇa werden Vāyus genannt. Das Sanskritwort Vāyu bedeutet „Wind“ – ein schönes Bild für etwas, das wir nicht sehen können, dessen Bewegung und Wirkung wir aber wahrnehmen können.

Die Yogatradition unterscheidet fünf Hauptströmungen:

Prāṇa, Apāna, Samāna, Udāna und Vyāna Vāyu.

B.K.S. Iyengar beschreibt diese fünf Vāyus nicht als fünf voneinander getrennte Energien. Es ist dieselbe Lebenskraft, die entsprechend ihrer Funktion und ihres Wirkungsbereiches unterschiedliche Namen erhält.

Und genau hier wird es für unsere Yogapraxis spannend. Denn die verschiedenen Bewegungsrichtungen der Vāyus können wir nicht nur theoretisch verstehen. Wir können sie über den Atem im eigenen Körper erforschen.

Wir können ausatmend in Richtung Becken sinken. Wir können einatmend den Brustraum von innen öffnen. Wir können mit dem Atem zur Mitte sammeln. Wir können die Einatmung durch den Halsraum bis zur Kopfkrone aufsteigen lassen. Und wir können erfahren, wie der Atem den ganzen Körper durchdringt.

So werden die fünf Vāyus von einem alten yogischen Konzept zu etwas, das wir in unserer eigenen Yoga- und Atempraxis unmittelbar untersuchen und erfahren können.

Schauen wir uns diese fünf Bewegungsrichtungen genauer an.

Apāna Vāyu – die Kraft der Erdung

Apāna wirkt vor allem im Unterbauch und Becken. Seine Bewegungsrichtung geht nach unten. Es ist die Kraft des Abgebens, Ausscheidens und Loslassens – und damit auch die Kraft der Erdung.

Diese Richtung können wir sehr unmittelbar über die Ausatmung erfahren.

Setze oder stelle dich aufrecht hin und atme ruhig aus. Lass die Ausatmung nicht nur aus dem Brustkorb entweichen, sondern lenke deine Aufmerksamkeit tiefer:

Atme aus und lass den Atem in Richtung Becken sinken. Spüre, wie der Unterbauch weicher wird und der Beckenraum sich entspannen kann. Vielleicht kannst du diese absteigende Bewegung noch weiter wahrnehmen: vom Becken durch die Beine bis zu den Füßen und zum Boden. Ausatmen. Abgeben. Loslassen. Erden.

Auch in den Āsanas begegnet uns diese Bewegung immer wieder. In Tāḍāsana verbinden sich die Füße mit dem Boden. In den stehenden Haltungen geben Füße und Beine Stabilität.

Dabei bedeutet Apāna nicht, den Körper nach unten zu drücken. Im Gegenteil: Eine gute Erdung ermöglicht überhaupt erst eine freie Aufrichtung. Je klarer die Bewegung nach unten ist, desto leichter kann eine Bewegung nach oben entstehen.

Hier zeigt sich bereits ein wesentlicher Aspekt der Vāyus, wie wir ihn auch in Iyengars Arbeit wiederfinden: Die verschiedenen Kräfte wirken nicht isoliert. Sie beeinflussen und balancieren einander.

Apāna schafft die Basis.

Prāṇa Vāyu – den Brustraum von innen öffnen

Der Begriff Prāṇa kann zunächst etwas verwirrend sein. Denn Prāṇa bezeichnet sowohl die gesamte Lebenskraft als auch eines der fünf Vāyus.

Als eines der fünf Vāyus wird Prāṇa vor allem dem Brustraum zugeordnet. Seine Qualität ist Aufnahme und Belebung, und es ist eng mit der Einatmung verbunden.

Auch diese Bewegung können wir unmittelbar erfahren. Atme langsam ein und lenke deine Aufmerksamkeit in den Brustkorb. Dabei geht es nicht darum, die Brust nach vorne zu schieben oder die Schultern anzuheben.

Lass die Einatmung den Brustkorb von innen her öffnen. Spüre die Weite zwischen den Rippen. Beobachte, wie sich die Seiten des Brustkorbs ausdehnen und wie im oberen Brustraum mehr Raum entsteht. Du machst den Brustkorb nicht weit. Der Atem macht ihn weit.

In der Āsana-Praxis lässt sich diese Qualität besonders schön in unterstützten Haltungen erfahren, zum Beispiel in Supta Baddha Koṇāsana, Setu Bandha Sarvāṅgāsana oder Viparīta Daṇḍāsana über einem Stuhl.

Gerade durch die Unterstützung kann unnötige Muskelarbeit nachlassen und der Brustraum bekommt die Möglichkeit, sich dem Atem zu öffnen.

Und wieder treffen zwei Vāyus aufeinander: Apāna erdet. Prāṇa öffnet.

Eine freie Öffnung des Brustkorbs braucht eine stabile Basis. Und eine Öffnung im Brustkorb brauchen alle Asanas.

Samāna Vāyu – die intelligente Mitte

Samāna wirkt im Bereich des Bauches und des Nabels. Seine Bewegung führt zur Mitte.

Traditionell wird Samāna mit Verdauung, Assimilation und Transformation verbunden. Seine Qualität ist das Sammeln und Integrieren. 

Diese sammelnde Bewegung können wir ebenfalls über den Atem erforschen. Setze dich aufrecht hin und atme zunächst ruhig aus.

Dann beginne einzuatmen. Zieh einatmen den Oberbauch, die Taille sanft nach innen. Wenn Du dazu keinen Zugang hast, nehme einen Gurt um die unteren, fliegenden Rippen, vier Finger über den Bauchnabel und atme einatmend weg vom Gurt, so dass der Gurt locker wird.

Das ist zunächst vielleicht ungewohnt. Denn bei der Einatmung denken wir meistens nur an Ausdehnung. Hier geschieht etwas Interessanteres:

Der Brustraum weitet sich – und gleichzeitig sammelt sich der Oberbauch zur Mitte. Weite und Sammlung geschehen gleichzeitig. Und die Wirbelsäule kann sich immer mehr aufrichten.

So können wir die Qualität von Samāna körperlich untersuchen: nicht als ein hartes Anspannen des Bauches, sondern als eine Bewegung, die zur Mitte führt und dort sammelt. 

Auch im Āsana spielt diese Qualität eine wichtige Rolle. In Nāvāsana brauchen wir eine organisierte Mitte. Ebenso in Drehhaltungen wie Bharadvājāsana oder Marīcyāsana.

Eine Drehung kann äußerlich durchaus weit gehen, wenn wir uns mit den Armen hineinziehen. Aber eine ganz andere Qualität entsteht, wenn sich der Bauchraum zur Mitte sammelt und die Drehung von dort organisiert wird.

Samāna gibt der Haltung ein Zentrum.

Udāna Vāyu – die Kraft der Aufrichtung

Udāna bewegt sich nach oben. Es wird vor allem dem Bereich von Hals, Kehle und Kopf beziehungsweise dem oberen Körper zugeordnet. Seine Qualität ist Aufrichtung und Aufsteigen. Traditionell wird Udāna außerdem mit Sprache und Ausdruck verbunden.

Auch Udāna lässt sich über die Einatmung erfahren. Setze dich aufrecht hin. Lass Hals und Kehle weich werden. Atme ein und spüre zunächst, wie sich der Brustraum füllt. Dann folge der Bewegung weiter. Versuche dabei nicht, den Kopf nach oben zu ziehen. Der Hals bleibt frei. Vielleicht entsteht stattdessen das Gefühl, dass die Einatmung selbst die Wirbelsäule verlängert und der Scheitel nach oben getragen wird.

Diese Qualität begegnet uns in vielen Āsanas: in Tāḍāsana, Ūrdhva Hastāsana und natürlich auch in den Umkehrhaltungen, aber auch in Rückbeugen.

Und hier begegnet Udāna seinem Gegenpol Apāna. Apāna bewegt sich nach unten.
Udāna bewegt sich nach oben. Zwischen diesen beiden Bewegungen kann Länge entstehen.

Das lässt sich schon in einer einfachen Tāḍāsana wunderbar erfahren: Je klarer Füße und Beine nach unten erden, desto weniger müssen wir uns nach oben „ziehen“.

Aufrichtung entsteht aus Erdung.

Vyāna Vāyu – den ganzen Körper mit Atem füllen

Vyāna unterscheidet sich von den anderen Vāyus, denn es wird nicht nur einer bestimmten Körperregion zugeordnet. Vyāna wirkt im ganzen Körper. Seine Qualität ist Verteilung, Ausdehnung und Verbindung.

Um Vyāna über den Atem zu erforschen, richten wir unsere Aufmerksamkeit deshalb nicht mehr nur auf einen bestimmten Bereich. Stattdessen können wir uns vorstellen: Der ganze Körper atmet. Mit der Einatmung zum Herzen breitet sich der Atem im gesamten Körper aus.

In den Brustkorb und Rücken; durch die Schultern und Arme bis in die Hände; durch das Becken und die Beine bis in die Füße; durch Hals und Kopf bis zur Kopfkrone. Doch Vyāna lässt sich nicht nur über die Einatmung erfahren.

Auch während der Ausatmung können wir die innere Weite des Körpers erhalten. Einatmend füllt sich der ganze Körper mit Atem. Ausatmend bleibt die Ausdehnung bestehen. Das ist eine andere Erfahrung der Ausatmung als bei Apāna. Bei Apāna folgen wir bewusst der absteigenden Qualität.

Bei Vyāna nehmen wir wahr, wie der Atem den gesamten Körper durchdringt und verbindet – einatmend und ausatmend. Diese Qualität lässt sich besonders schön in Utthita Trikoṇāsana untersuchen. Die Füße geben Stabilität. Die Beine arbeiten. Die Mitte organisiert die Haltung. Gleichzeitig breitet sich die Bewegung durch die Wirbelsäule, beide Arme, die Hände, die Beine und bis zum Scheitel aus. Irgendwann arbeitet der Körper nicht mehr in einzelnen Teilen. Das Āsana wird zu einem Ganzen. Das ist eigentlich die spannendste Erfahrung.

Wenn die fünf Vāyus miteinander arbeiten

In der Iyengar-Yoga-Praxis geht es nicht darum, die fünf Vāyus fein säuberlich voneinander zu trennen. Im Gegenteil: Die verschiedenen Bewegungsrichtungen beeinflussen sich gegenseitig und müssen miteinander in Balance kommen.

 

Nehmen wir noch einmal eine scheinbar einfache Haltung: Tāḍāsana.

Über Apāna erfahren wir die Bewegung nach unten. Füße und Beine erden sich. Samāna sammelt und organisiert die Mitte. Über Prāṇa entsteht mit der Einatmung Raum im Brustkorb. Udāna führt die Bewegung durch Hals und Scheitel nach oben. Und Vyāna verteilt diese innere Organisation schließlich im ganzen Körper – bis in Füße, Hände und Kopfkrone. Alles geschieht gleichzeitig.

Und vielleicht erklärt genau das, warum ein Āsana äußerlich vollkommen still sein kann und sich innerlich trotzdem so lebendig anfühlt.

B.K.S. Iyengar spricht im Zusammenhang mit Āsana von „Meditation in Aktion“.

Vielleicht können uns die Vāyus einen Zugang dazu eröffnen.

Denn solange wir ein Āsana hauptsächlich über seine äußere Form erfahren, gibt es viel zu tun: den Fuß ausrichten, das Bein strecken, die Wirbelsäule verlängern, die Schulter bewegen.

Mit zunehmender Praxis wird die Wahrnehmung feiner. Wir beginnen nicht mehr nur zu beobachten, was der Körper tut,sondern auch, was sich im Körper bewegt.

Der Atem wird dabei zu einem wunderbaren Instrument der Wahrnehmung. Wir können ihm folgen. Wir können seine Richtung verändern. Wir können beobachten, welche Räume er erreicht – und welche nicht. Und wir können erleben, wie sich dadurch ein Āsana verändert.

Vielleicht müssen wir die Vāyus deshalb gar nicht „spüren“ können. Sie geben uns vielmehr eine Möglichkeit, genauer hinzuhören.

Und aus diesem immer feineren Wahrnehmen kann mit viel Übung etwas entstehen, das sich nicht mehr über einzelne Aktionen erklären lässt:

Der Körper wird still. Der Atem wird fein. Die Aufmerksamkeit bleibt wach.

Vielleicht ist das der Moment, in dem aus einer Haltung Āsana wird.

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